studiVZ erlebt den Punk im Web 2.0 wieder

Der Andi hat sich letztens schon drüber ausgelassen (wovon ich mich ein bisschen hab inspirieren lassen), Johnny bei Spreeblick ebenfalls und ich will jetzt auch mal meinen Senf dazu abgeben – tut mir leid, dass es etwas lang geworden ist.

Die letzten Tage und Wochen wurde wieder viel über das studiVZ geredet und geschrieben – vor allem aber wurde sich viel beschwert. Weswegen? Die Allgemeinen Geschäftsbedingungen und Datenschutzerklärung sollen geändert werden, um das Hobbyprojekt ein wenig professioneller betreiben zu können. Das bedeutet nichts anderes, als dass die Betreiber irgendwie Geld mit diesem 4-Millionen-Nutzer-Dingen verdienen wollen und das geht nunmal am Besten über Werbeeinahmen (wie auch sonst, wenn man für die Nutzung nichts zahlen muss und dennoch nicht gerade verschwindende Kosten entstehen).

Da ich bisher wenig Lust hatte, mir die AGB durchzulesen – wer macht sowas schon gerne? – habe ich das immer nur aus Sekundärquellen mitbekommen, was da gerade stattfindet. So hieß es z.B. zunächst, dass die im studiVZ angegebenen Handynummern dazu benutzt werden sollen, Werbe-SMS dorthin zu schicken. Nach heftiger Kritik ruderten die Betreiber zurück und nahmen den entsprechenden Passus raus, sehr zu meiner Freude. Auch wenn natürlich keiner gezwungen wird, seine Handynummer anzugeben, so wäre das doch ein Schritt, der mir zu weit gehen würde.

Was noch übrig geblieben ist, ist eine Datenschutzerklärung, mit der ich gut leben kann. Da wird die Einwilligung gegeben, dass z.B. der Name gespeichert wird (sonst würde so ein Netzwerk ja auch keinen Sinn machen), Cookies benutzt werden (kaum eine Seite verzichtet auf solche und wenn man will, schaltet man die halt im Browser aus) und auch serverseitig Statistiken angelegt werden. Das beinhaltet, wie oft welcher Bereich aufgerufen wird, mit welchem Browser gesurft wird, welche Auflösung die Nutzer verwenden usw. Jede auch nur halbwegs professionelle Website verwendet solche Statistiken zur Webseitenoptimierung, leider häufig sogar ohne die Benutzer über deren Existenz zu informieren.

Der eigentliche Knackpunkt in der neuen Datenschutzerklärung, weswegen jetzt Hinz und Kunz ihre Daten anonymisieren, sind die Abschnitte mit der Werbung. Da heißt es zunächst:

5. Ich willige ein, dass studiVZ die von mir bei der Registrierung mitgeteilten Daten ([…]), die von mir freiwillig innerhalb meines eigenen Profils („Meine Seite“) eingetragenen Daten ([…]) sowie meine Mitgliedschaft in Gruppen („Meine Gruppen“) dazu nutzt, um mir gezielt personalisierte Werbung und/oder besondere Angebote und Services über das studiVZ-Netzwerk zu präsentieren bzw. präsentieren zu lassen ([…]).

OK, ich entspreche also einem bestimmten Profil (Student aus Aachen in der Gruppe „Pizza find ich gut!“) und nun soll ich Werbung einer Aachener Pizzeria angezeigt bekommen. Wo ist das Problem? Was interessiert mich die Pizzeria aus Düsseldorf oder der Dönermann um die Ecke … in Tübingen? Solange diese Firmen nicht meine Daten erhalten sondern das System studiVZ einfach nur die Werbung bei den Leuten einblendet, die einem bestimmten Profil entsprechen – schön. Und das ist genau das, was passieren wird: Firmen buchen 5723 Bannereinblendungen bei Studenten der Ruhruni Bochum und studiVZ blendet das dann ein, fertig (und wen die Werbung stört, der kann sich wie ich z.B. den Adblocker installieren). Die persönlichen Daten werden dabei nicht an die Werbenden weitergegeben:

Eine Weitergabe der Daten an Dritte zu kommerziellen und/oder gewerblichen Zwecken findet nicht statt.

Wem das jetzt immer noch komisch vorkommt, dem empfehle ich mal über seinen Amazon-Account nachzudenken. Warum bekommt ihr da wohl Empfehlungen für dieses und jenes Buch? Na? Richtig, da werden Daten von euch gespeichert (was ihr bisher gekauft/angesehen habt) und anhand dessen berechnet ein Algorithmus, was euch vielleicht noch interessieren könnte.

Gut, die Werbeeinblendungen sind das eine, das andere ist die angekündigte Werbung per Email:

6. Ich willige ein, dass mir studiVZ Benachrichtigungen und Mitteilungen zusendet; diese Nachrichten beinhalten Hinweise und Berichte für Nutzer des studiVZ-Netzwerkes. Ich nehme zur Kenntnis, dass studiVZ hierzu meine personenbezogenen Daten nach Maßgabe der von mir gewählten Einstellungen nutzt; demnach erfolgt die Zusendung per E-Mail an die von mir für die Nutzung des studiVZ-Netzwerkes verwendeten E-Mail-Adresse oder über den Nachrichtendienst.

Dieser Punkt stößt mir persönlich schon bitterer auf, ist aber immer noch nicht außergewöhnlich: ca. 3-5 von 30 Spammails, die ich am Tag erhalte, sind von Diensten wie Amazon oder GMX. Die schicken mir (teilweise) ungefragt Emails mit Werbung, die ich nicht will und trotzdem nutze ich diese Dienste. Warum? Weil sie mir einen kostenlosen Service anbieten (über GMX kann ich mailen, über Amazon bequem und schnell DVDs bestellen), ich diesen nicht missen will und dank eines effektiven Spamfilters bekomm ich von den Mails (fast) nichts mit.

Soweit könnte ich ja noch die Aufregung über die Werbung nachempfinden. Wer allerdings ernsthaft gedacht hat, dass dieser Web 2.0-Riese mit 4 Mio Nutzern kein Geld verdienen will und sich nur über Spenden finanziert, der ist ziemlich naiv. Bei über 5 Milliarden (!) Seitenaufrufen alleine im November diesen Jahres (Quelle: IVW) kommt eine ziemliche Serverlast zustande (zum Vergleich, Spiegel Online hatte im gleichen Zeitraum nur etwa 1/13 der Klicks), die bezahlt werden will.

Richtig lächerlich für die, die sich jetzt aufregen, wird es aber, wenn man sich den Absatz, der jeweils unter den beiden oben zitierten Abschnitten 5 und 6 steht, mal durchliest:

Ich nehme zur Kenntnis, dass ich, falls eine solch personalisierte Werbung von mir nicht mehr erwünscht ist, diese ablehnen und der Nutzung meiner Daten jederzeit widersprechen kann. Hierzu kann ich nach dem erfolgreichen Einloggen in das studiVZ-Netzwerk in der Rubrik „Datenschutz“ am Ende des Textes zur Einwilligung in die Verarbeitung personenbezogener Daten meine Einstellungen unter „Einstellungen zur Verwendung meiner Daten“ aufrufen und anpassen.

Hervorhebung von mir

Ich kann also den Service weiterhin nutzen und brauche mich nicht auf personalisierte Werbung und Werbemails einzulassen. Und meine Daten werden auch nicht an Dritte weitergegeben. Wo ist also der Grund zur Massenhysterie?

Und trotzdem sind momentan viele dabei, sich fleißig zu engagieren, den Protest hochleben zu lassen. Da werden Gruppen gegründet, Nachnamen unkenntlich gemacht, das Profil aufs nötigste reduziert und das eigene Bild verunstaltet. Außerhalb werden reißerische Artikel geschrieben und das studiVZ verteufelt – „Wie können die nur so dreißt sein und sowas in den AGB verlangen?“
Auf einmal fällt den Leuten auf, was sie da seit knapp zwei Jahren an Informationen von sich preisgegeben haben und dass diese Informationen vielleicht für den ein oder anderen wertvoll sein könnten. Auf einmal fällt den Leuten auf, dass es im Internet nicht nur die netten Leute von nebenan gibt, die einem einfach was Gutes wollen, sondern viele, die mit dem Internet Geld verdienen. Auf einmal fällt den Leuten auf, wie naiv sie die ganze Zeit waren.

Web 2.0 bedeutet auch Vernetzung untereinander. Diese Vernetzung geht nur über persönliche Daten, sonst ist das ganze sinnlos. Wenn ich nicht den alten Schulfreund Hans Erwin unter Hans Erwin finde, wie dann? Gerade das war auch ein Grund des Erfolgs von studiVZ, das Wiederfinden von alten Bekannten, von denen man nur noch den Namen kannte. Und natürlich nicht zu vergessen das „Stalking“ (ich meine hier nicht das krankhaft verfolgende, sondern einfach nur mal gucken. Bitte nicht falsch verstehen) – wer schaut nicht gerne mal bei dem gut ausehenden Mädel, die immer vorne links sitzt, nach, was sie für Musik hört? Oder findet per Zufall heraus, dass der Typ aus der Mathevorlesung auch Motorrad fährt. Oder aktuelles Beispiel: Das Profil des Wichtelpartners von Rudi Rockt im studiVZ nachgucken um weitere Ideen für das Geschenk zu erhalten.

Das macht Spaß und ich finde es interessant. Und vor allem steh ich dazu. Ich gucke mir gerne Profile anderer an, habe meines aber auch ausführlich gestaltet. Das ist der Sinn einer Community, Sachen über andere zu erfahren. Vielleicht Sachen, die man im normalen Gespräch nicht erfahren hätte, weil man nicht darauf zu sprechen gekommen wäre. Aber das ist ja jedem selber überlassen, was genau er über sich preisgibt. Doch wenn ich nicht einmal mehr die Leute finden kann oder wenn doch, dann als einzige Information deren (halben) Namen habe, dann hat das Netzwerk keinen Sinn mehr. Dann können sich die Leute auch abmelden und weiterhin in ihrer Web 2.0-losen Welt leben, wie früher. Schade nur, dass die Leute erst jetzt anfangen, darüber nachzudenken, was sie da an Informationen preisgegeben haben und ob es ihnen das Wert ist.

Ich jedenfalls bleibe. Mit Namen, Profil und Bild.

Disclaimer: Nichts desto trotz finde ich die Machenschaften der Betreiber von studiVZ nicht ganz optimal – viele wurden durch einfache Anmeldung gelockt und wurden nicht richtig darauf hingewiesen, dass persönliche Informationen sehr wertvoll sind und man damit aufpassen muss. Und dann wird irgendwann, wenn auch indirekt, damit Geld verdient und die Nutzer fühlen sich veräppelt. Doch aufhören? Nach so lange Zeit ist das schwer, man hat Beziehungen geknüpft und sich daran gewöhnt. Ich glaube fest daran, dass die Entwicklung aus Betreibersicht nicht zufällig so war.