Ich auf Achse #3

Das Ende des Strahlrohres Beep. Beep. Der Ton kommt jedes Mal, wenn ein Spill unser Experiment passiert. Ein Spill bezeichnet den kurzen Zeitraum (bei uns ca. 400 ms), in dem die Magnetweichen umgestellt sind und einige Pakete (Bunches) von Teilchen aus dem Beschleuniger ausgegeben werden. Passiert hier ca. alle 20 Sekunden. Beeper ist abschaltbar, zum Glück!

Das Experiment im Strahlbereich Nicht abschaltbar hingegen ist der Alarm, der rund um die Uhr nach 108 Minuten ertönt. Eine wachrüttelnde Sirene, die erst verstummt, wenn man die Rekalibrierung eingeleitet hat. Dazu müssen an 4 verschiedenen Stellen 8 Kabel umgesteckt werden, 15:16 Uhr aufgeschrieben werden und die 23 stellige ID der aktuellen Aufzeichnung ins Logbuch auf Seite 42 geschrieben werden.
Naja, fast. Der Alarm ertönt nach 30 Minuten seit der letzten Kalibrierung (natürlich immer noch rund um die Uhr), es muss ein Hebel zweimal umgelegt werden, ein Kabel ein und wieder ausgesteckt und am Computer eine neue Aufzeichnung gestartet werden. Und natürlich einen Eintrag ins Logbuch machen.

Eine Ladder mit daran befestigten Faserbündel Der Grund für die Kalibrierung ist das Rauschen, also ein stetiges Signal, dass sich ergibt, auch ohne das ein Ereignis da ist. Um aber rausfinden zu können, ob der Hubbel in den gemessenen Daten nun ein Teilchendurchgang war oder nur Rauschen, muss man eben dieses Rauschen kennen. Dummerweise ist die Ausleseelektronik so empfindlich, dass sich das Rauschen immer mal wieder ändert, also muss man immer mal wieder nachsehen, wie stark das Rauschen momentan ist.
(Entschuldigung für das viele Rauschen, die Verbindung ist schlecht)1

Die Kollegen bei der Auswertung der Messdaten Der Arbeitsalltag sieht dann so aus, dass wir hier sitzen, darauf warten, dass die Kalibrierung durchgeführt werden muss und Krams machen. Krams machen bedeutet bei den anderen häufig die Programme für die Auswertungen schreiben, verbessern und schließlich anzuwenden, um noch während des Experiments überprüfen zu können, ob die Messdaten den Erwartungen entsprechen oder noch etwas verbessert werden muss. Ein Beispiel für nachträgliche Korrekturen ist die Zeit zwischen Strahleingang am Anfang der Kiste bis zur Messwerteaufnahme irgendwo in der Mitte. Die Optimierung bewegte sich hier im Bereich von Nanosekunden und um zu sehen, ob es eine Verbesserung oder Verschlechterung war musste man wieder einen Tag messen.

Die Halle, in der unser Experiment (und andere) untergebracht sind Krams machen bei mir bedeutet wegen fehlender Ahnung von den Auswertungsprogrammen (sind schon viele Teile geschrieben und die Einarbeitung würde zu lange dauern) und anfangs wegen fehlender Ahnung vom Experiment (also wie es genau funktioniert) entweder Serien gucken, Spiele spielen oder im Internet unterwegs sein. Dummerweise wurde mir das Internet nach nur einem Tag wieder gesperrt.

Das mit dem Netzzugang im CERN ist nämlich so: man kommt nicht so ohne weiteres dran, man braucht erst jemanden, der hier arbeitet, der einen als Gast für eine gewisse Zeit freischaltet. Wenn man dann endlich darf, wird streng überwacht, was man macht. Dass streng überwacht werden muss ist absolut verständlich, immerhin ist hier im CERN eine unglaubliche Rechenpower versammelt, die manche Gestalten gerne für nicht wissenschaftliche Zwecke missbrauchen würden.
Eines der CERN-Hostels bei Nacht Blöd ist nur, wie es umgesetzt wurde. Zum Beispiel gilt der Zugang zum IRC-Netzwerk als unsicher und wird gefiltert. Aber anstatt ihn komplett zu sperren, wird er nur protokolliert und nach Durchsicht der Logs dem Nutzer, der auf einen IRC-Server zugreift, eine Warnung2 ausgesprochen. Wird nicht reagiert, folgt die Sperrung.
Besonders dämlich in meinem Fall, denn ich habe Freitag bis 8 Uhr morgens Nachtschicht gehabt, bin dann bis 16 Uhr schlafen gegangen und dann war Wochenende. Um kurz nach 8 kam die Warnung, um kurz nach 16 Uhr die Sperrung und um 16:30, als ich davon erfuhr, war keiner mehr da, der mich entsperren konnte – bis Montag morgen.

In der nächsten Folge dann: Besuch aus Aachen, Besuch unter der Erde und Besuch aus dem All.

Bilder aus meinem Picasa-Album, aber vorsicht, mögliche Spoiler.

Die anderen Teile:
Teil 1 | Teil 2 | Teil 3 | Teil 4

  1. Entschuldigung für das schlechte Wortspiel, es wollte aber unbedingt raus []
  2. in der Warnung steht, dass vermutet wird, dass der PC infiziert ist, nichts von falscher Nutzung … kann auch schon mal falsch verstanden werden []