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André in Turin: Ein paar erste Gedanken

»Piazza Vittorio Veneto« an einem sonnigen Tag im Frühling. Hinten am Horizont kann man sogar die Alpen sehen.

Der große Stadtpark »Parco del Valentino« lädt zum entspannen ein.

Turin ist eine schöne Stadt. Soviel habe ich in den zwei Monaten, die ich jetzt schon hier lebe, mitbekommen. All die kleinen Läden, in denen es etwas zu entdecken gibt. All die überdachten Bürgersteige, »Porticato« genannt, die einem das Leben bei Regen erleichtern. All die Wiesen im großen Stadtpark »Parco del Valentino« die zum Liegen, Socializen oder Dran-vorbei-joggen einladen. Und natürlich all die netten Leute, die ich bisher getroffen habe.
Letzteres liegt wahlweise daran, dass es hier nur nette Leute gibt, ich mit meinem Karma nur die netten Leute anziehe oder es schlicht Zufall ist. Ist am Ende aber auch egal, weil es gerade gut in mein Gesamtbild dieser jugendlichen Stadt passt.

Dazu zählt zum Beispiel auch, dass man Abends beim Bier/Wein/Cocktail in der Kneipe eigentlich lieber draußen auf der Straße steht. Kennt man auch in Deutschland, da hört man aber zuliebe der Anwohner zwischen 23 und 01 Uhr damit auf.1 In Turin interessiert es erstmal niemanden. Solange man nicht über einer Kneipe wohnt ist das irgendwie ganz angenehm, zumindest als Kneipenbesucher.2 Insbesondere im Stadtteil »San Salvario« gefällt mir die Kneipenatmosphäre, sie ist irgendwie vergleichbar mit der Pontstraße in Aachen.
Service-Hinweis: Die Leute, die etwas außerhalb des Viertels auf der Straße aber nicht vor einer Kneipe stehen, wollen entweder Gras oder sexuelle Dienstleistungen verkaufen.

Im Bereich für die lokalen Bauern auf dem großen Open-Air-Markt kann man gut und günstig Obst und Gemüse kaufen.

Zurück zu den guten Sachen: Ebenso lohnenswert ist nämlich ein Ausflug zum größten Open-Air-Markt Europas auf dem »Porta Palazzo«3, der immer ein Erlebnis ist. Vor allem, weil er groß ist. Und mit der Größe kommt auch eine unglaubliche Vielfalt, die dafür sorgt, dass man neben Lebensmitteln dort seinen kompletten Wochenbedarf decken kann, wenn man will. Badzubehör, Kleidung, Vorhänge – alles kein Problem. Und wenn man doch einmal etwas ungewöhnlicheres braucht, geht man einfach am zweiten Samstag im Monat hin, dann kommt zum größten regelmäßigen Markt noch ein verdammt großer Flohmarkt hinzu. Schüssel für die Küche? Kein Problem. Den 17er Schraubenschlüssel um das Fahrrad zu reparieren? Klar. Kein Fahrrad mehr? Gibt es auch da, vielleicht sogar das eigene. Ein Album von ‚N Sync? … Wir wollen mal nicht übertreiben.4 Hatte ich eigentlich schon gesagt, dass der Markt groß ist?

Die edelste Einkaufstraße in Turin: »Via Roma«.

Und wenn es einem dann doch mal zuviel wird, schlendert man einfach durch die Gassen und genießt die Stadt. Es gibt viele kleine Läden und interessante Ecken zu entdecken, wenn man sich die Zeit nimmt. Wenn die Sicht klar ist kann man sogar bei einigen Straßenzügen zwischen den Häusern ein Stück von den Alpen sehen. Schon sehr beeindruckend, wenn man in einer Nicht-Bergregion aufgewachsen ist.
Alternativ geht man in Richtung Po5, genießt die Ruhe etwas abseits vom Treiben der Stadt und schaut den Ruderern beim Paddeln zu.

Insgesamt ist das schon alles ziemlich cool hier. Im Nachhinein finde ich vor allem interessant, dass mein erster Eindruck von Turin im letzten Sommer ein etwas anderer war. Langweilig, dreckig, und heiß. Letzteres ist klar, immerhin war es Sommer. Der steht mir dieses Jahr auch wieder bevor, wenn nicht eine spontane Eiszeit einbricht. Bisher ist das Klima aber recht angenehm mit leichter Tendenz zum Schwülen.

Das Abfallsystem in Turin ist ein anderes als in Deutschland: große Müllcontainer stehen auf der Straße und sammeln Restmüll von allen, die gerade einen Mülleimer brauchen.

Nächster Punkt: Dreckig. Naja, dreckiger ist es wirklich ein wenig. Die Müllhandhabe basiert darauf, dass die Mülltonnen nicht an das Haus gebunden sind und dort einen Kellerraum vollstinken, sondern auf der Straße stehen und irgendwie für alle da sind. Alle paar Meter steht dann ein großer Container, der nachts geleert wird. Führt natürlich dazu, dass Mülltrennung hier eher was für die hippen Andersdenker ist. Viel einfacher ist es also den gesammelten Hausmüll in die große Tonne zu hauen und sich endlich wichtigeren Dingen zuwenden.6 So ist der ein oder andere dann auch zu faul diese Tonne wieder zu schließen und dann, naja, dann mufft es halt. Kann man sich aber trotzdem dran gewöhnen.7

Vor allem der letzte Punkt hat sich gewandelt, denn langweilig kann ich Turin jetzt nicht mehr nennen. Genug zu tun gibt es offensichtlich. Auch kulturell ist hier einiges zu erleben, auch wenn es nicht so das eine beeindruckende, zentrale Bauwerk gibt, das alle Welt kennt. »Aber da ist doch dieses ›Mole Antonelliana‹, das ist doch was besonderes?!« Jau, stimmt schon. Es kommt nur leider nicht richtig zur Geltung, weil es von allen Seiten mit normalen Wohnhäusern umbaut ist. Turin ist eben als Industriestadt groß geworden, die Platz für die Menschen braucht.
Aber trotzdem, wenn man sich einmal ein bisschen damit auseinandersetzt was Turin ausmacht und was es hier so zu entdecken gibt, dann kann man sich schon ganz gut die Zeit vertreiben.

Um also schonmal ein Zwischenfazit nach zwei Monaten zu ziehen: Turin braucht vielleicht ein paar Wochen, bis man sich daran gewöhnt hat. Aber dann ist Turin eine sehr schöne Stadt und man kann einiges hier erleben. Ich freue mich auf die restlichen zehn Monate, die noch kommen werden.

  1. Bzw. wird freundlich vom Wirt in die Kneipe gebeten. []
  2. Zum Glück wohne ich in einem Bereich, wo es zwar Restaurants aber keine Kneipen gibt. Da stört einen Abends/Nachts nur die Müllabfuhr oder der Lieferant des Supermarkts nebenan. []
  3. Eigentlich heißt der Platz »Palazzo della Republica«, aber irgendwie ist das den Turinern wohl zu lang. Also Porta Palazzo. []
  4. Auch wenn man es bestimmt trotzdem dort finden würde. []
  5. Nicht das Dings wo ihr gerade drauf sitzt sondern der Fluß. []
  6. Zum Beispiel das Essen. Darüber werde ich demnächst auch nochmal schreiben. Wenn ich es nicht verprokrastiniere. []
  7. Es soll ja auch Leute geben, die den Smog von Neu-Delhi nicht mehr riechen. []